
Mut zur Natürlichkeit
Wir verstecken uns hinter Masken und Filtern. Unsere wahre Schönheit wird maskiert, das letzte Quäntchen individueller Besonderheit weggefiltert. Das ist die geschönte Fassade. Doch auch vermeintliche Schwächen in unserem Verhalten unterdrücken wir. Das ist die zurechtgestutzte innere Ebene. Ergo überspielen und überspachteln und retuschieren wir das, was wir sind. Wie gut, dass es jetzt den No-filter-Trend gibt. Influencer, Models sowie Leute wie du und ich zeigen sich ungeschminkt. Schluss mit falschen Federn, Fassaden und Filtern.
No-filter ist in aller Munde. Oder vielleicht besser gesagt vor oder hinter aller Munde. Je nachdem, ob man von der äußerlich fallen gelassenen Maskerade oder von innerlich demaskierten Themen spricht. Mit Maske und Filter geben wir vor, jemand zu sein, der wir gar nicht sind. Durch Schönmogelei und geschönte Verhaltensweisen. Was geht da vor sich – und wie sah das vorher eigentlich aus?
Geschönte Äußerlichkeiten
Erst mal die äußere Scheinwelt beleuchten. Draußen vor der Tür und auch im Paralleluniversum von Instagram & Co. zeigen wir krasse Hochglanzbilder von uns: Wir – zum Zerrbild verkommen. Das folgte in jüngster Zeit einem aufwendigen Prozedere: Das natürliche Gesicht muss hinter gleich mehreren künstlichen Schichten verschwinden. Also klebt man sich nach der Gesichtsreinigung erst mal kosmetisch wirkende Pads unter die Augen. Damit sollen Augenringe verschwinden. Anschließend empfiehlt sich ein Tonic, gefolgt von einem Serum und Gesichtspflegeprodukten. Um ein perfektes, porzellangleiches Antlitz zu erreichen, schummelt man sich als Nächstes mit einer Runde Make-up-Base, „neudeutsch“ auch Primer genannt, schön.
Jetzt ist alles ganz ebenmäßig, wie eine Grundierung beim Bau. Wer später noch gedenkt, seine Augen anzupinseln, legt am besten direkt eine Lidschatten-Base mit auf. Nun folgt durch die Foundation eine auf Hautfarbe und Hauttyp abgestimmte Farbschicht. Mit einem Concealer-Stift lassen sich letzte hartnäckige, da durchscheinende Partyspuren unter den Augen beseitigen; weitere Korrekturstifte decken rote Stellen oder kleine Pickelchen perfekt ab. Der Paukenschlag erfolgt dann mit Puder, den man aufträgt, von transparent bis hin zu maximal deckend. Ein Hauch Rouge auf die Wangen bringt den Frischekick ins Gesicht. Optional schmiert man sich noch die Augen an, baut künstliche Wimpern ein, füllt die Augenbrauen auf und mogelt sich einen Kussmund. Damit das alles den Tag oder die Nacht über hält, fixiert man das mit einem Spray.

Sind wir völlig verrückt geworden?
Und damit ist ja erst das Gesicht gerichtet. Es gilt noch, lockige Haare glattzukriegen oder Beach-Waves in glattes Haar zu zaubern. Auch der Body muss gut anmuten, da quetscht man sich schon mal in formende Unterwäsche. Und schließlich machen auch noch die Markenkleider Leute, ergänzt um Stilettos, Designertasche, Accessoires und die passende Duftwolke. Neuerdings legt man sich dann noch die Maske aufs Gesicht, oft abgestimmt aufs Tages-Outfit, mit Glitzersteinchen & Co. Das ist schon eine ganz raffinierte Mogelpackung. Wenn wir dann das erste Selfie von uns machen, ist das aber noch nicht perfekt genug. Also müssen wir unser Foto mit Filtern und Weichzeichnern aufhübschen, Kinn und Taille schmälern, einen Sun-kissed-Glow aufs Gesicht legen, damit das inszenierte Kunstbild auch gebührend vom Rest der Welt in unserem Showroom auf Instagram bestaunt und gelikt werden kann.
Aber mal ehrlich, wo ist unsere einmalige Schönheit geblieben? Die haben wir hinter einer Uniformierung versteckt. Alle sehen immer ähnlicher aus, weil man versucht, einen gewissen Typus zu imitieren. Doch unsere Individualität und Natürlichkeit bleiben auf der Strecke. Wir büßen auch Selbstwertgefühl ein, weil wir uns ungeschminkt fast schon vor der Außenwelt verstecken müssen, uns unvollkommen, völlig entblößt vorkommen. Hier mittenrein kommt der Clou mit dem No-filter-Trend: Äußerliche Maskerade ablegen, zu uns selbst zurückfinden. Es ist viel wichtiger, dass wir mit uns selbst zufrieden sind, dass wir uns mögen, dann strahlen wir das auch aus. Und diesen Magic Glow, den wir dann ausstrahlen, den kann uns kein Make-up und kein Filter dieser Welt aufs Gesicht zaubern. Aber noch was ist wichtig: unsere innere Welt …
Verkümmertes Innenleben
Eine weitere Scheinwelt, die wir veranstalten, betrifft unser Innenleben. Wir spielen Theater. Weil wir nicht nur wegen unserer Optik, sondern auch wegen unserem Verhalten um Ablehnung fürchten. Also verhalten wir uns anders, wollen unsere Schwächen überdecken. Damit ja niemand merkt, dass wir nicht vollkommen sind. Viele fühlen sich minderwertig. Die einen meinen, dass es ihnen an Humor fehle. Die anderen wären gern spontan. Wiederum andere wollen kokett sein. Andere fühlen sich ungebildet und wiederum welche würden in geselliger Runde gern eloquent mitreden können.
So will jeder etwas anderes versteckt halten und versucht damit ja gewissermaßen, so ziemlich das Gegenteil seiner selbst abzugeben. Das kann nicht gutgehen. Selbst, wenn es nach außen hin dann und wann mal überzeugend rüberkommen sollte, kann das – nach innen hin –, für uns selbst nicht überzeugend sein. Wir fühlen uns unecht, zu Fälschern verkommen. Es raubt uns viel Kraft, wenn wir uns ständig verstellen müssen, damit bloß keiner merkt, wie wir wirklich sind. Somit haben wir sogar in unserem Inneren eine Scheinwelt etabliert.

Tschüss Kunstwelt, hallo Leben!
Wie gut, dass es den No-filter-Trend gibt. Ein Trend, dem es sich zu folgen lohnt. Weil er uns zu uns selbst zurückführt. Entdecken wir unsere eigene Schönheit. Stehen wir zu uns und unseren äußeren und inneren diamantenen Kanten. Die machen uns zu etwas Besonderem – zu dem Menschen, der wir wirklich sind. Es wäre schade, diesen Menschen – unser wahres Ich – den anderen vorzuenthalten. Dank No-filter heißt es ab sofort: Tschüss Maskerade, hallo Natürlichkeit. Das ist gut so, ein toller Trend. Bitte unbedingt weitersagen!
Wer schreibt hier:
Diana Schmid arbeitet als freie Journalistin und Autorin im Bereich von Glauben und christlichem Lebensglück. Sie liebt es, wenn sie mit ihren Beiträgen und Büchern andere bewegen, begeistern und berühren kann. Mehr von Diana Schmid gibt es unter schmid-text.de.