Was fällt Ihnen ein zum Thema Mauer? Haben Sie die Mauer in Berlin vor Augen, die es mittlerweile Gott sei Dank nicht mehr gibt? Oder die Mauer im Heiligen Land, die acht Meter hoch ist und versucht, gewaltbereite Palästinenser und Israelis auseinander zu halten? Im Urlaub bestaunen wir die Reste mittelalterlicher Stadtmauern. Soweit zu einigen der sichtbaren Mauern.

Und dann wären da ja noch die unsichtbaren Mauern. Ich denke da an die Firewalls, also die digitalen Mauern in unseren Computern. Natürlich gibt es da auch noch die Mauern in den Köpfen der Menschen. Da sind zum einen die Mauern, die uns blockieren, einengen, begrenzen, gegen die wir im übertragenen Sinn immer wieder, oft genug vergeblich, anrennen.

Und zum anderen sind da die Mauern in uns, die uns oder etwas von uns schützen und beschützen sollen, die Firewall im Kopf sozusagen. Jeder hat mit dieser Art von Mauern seine Erfahrungen gemacht, bei sich selbst und bei anderen. Auf einer solchen Mauer könnte z.B. Misstrauen draufstehen. Wer misstraut, der baut Mauern um sich herum und zwischen sich und andere. Er denkt vielleicht, es sei zum eigenen Schutz, ohne zu merken, wie er sich damit gleichzeitig selbst einmauert. Auf einer anderen Mauer könnte z.B. Schuld stehen. Oft genug steht eine Schuld oder das Gefühl, versagt zu haben, zwischen mir und einem anderen Menschen. Da könnte z.B. Enttäuschung draufstehen. Solche Mauern trennen vor allem Menschen, die sich besonders gernhatten, aber durch ein Ereignis nicht mehr zueinander finden.

Man könnte noch mancherlei Mauersteine benennen. Im Ergebnis ist es immer ähnlich: Plötzlich ist da eine Mauer. Und sie scheint unüberwindlich. Angesichts solcher Mauern wird oft ein Vers aus der Bibel zitiert: „Mit meinem Gott springe ich über Mauern.“ Nun mag mancher sagen: „Würde ich ja, wenn ich wüsste wie.“ Die Frage ist berechtigt. Wie ist das möglich? Wie geht das: mit Gott über Mauern springen? Wir spüren: Wir brauchen eine Art Gebrauchsanweisung zum Springen. Das ist ja keine sportliche Übung. Und doch ist es ein bisschen wie beim Hochsprung: Man braucht Erfahrung. Man fängt klein an, also mit einer Höhe, die man leicht schafft. Der Anlauf muss stimmen. Und wenn es nicht klappt, versucht man es eben noch einmal. Übung macht den Meister.

Gab es in der letzten Zeit eine Situation, in der Sie gedacht haben: Puh, das schaffe ich doch nicht? Von Weitem betrachtet sieht so manche Aufgabe wie eine hohe Mauer aus. Da fragt man sich: Wie soll ich denn da wohl drüber kommen? Und dann hat es doch geklappt, wenn auch manchmal erst im zweiten oder dritten Versuch oder nur ganz knapp. Aber geschafft ist geschafft.

Die Frage sollte nicht „Kann ich?“ lauten, sondern „Mach ich es auch?“. Es ist außer Frage, dass jeder von uns über Mauern springen könnte. Die Frage ist, ob er es auch macht. Gesetzt den Fall, jemand hat damit in Gedanken gute Erfahrungen gemacht, dass er es geschafft hat: Dann wird er es ja ohne Zögern immer wieder versuchen und vermutlich auch hinbekommen. Gesetzt den Fall, jemand hat damit keine Erfahrung, womöglich sogar schlechte Erfahrungen gemacht: Dann wird er es vermutlich aus der Angst heraus tatsächlich nicht schaffen, weil ihm einfach das Zutrauen fehlt. Haben wir also so viel Selbstvertrauen, dass wir uns trauen, uns den Herausforderungen zu stellen und immer wieder den Sprung zu wagen? Das gelingt wie beim Hochsprung vielleicht nicht gleich beim ersten Anlauf. Da braucht es vielleicht noch ein bisschen Übung, ein bisschen Motivation, ein bisschen Überzeugungskraft, ein bisschen Zutrauen, bis man weiß: „Ich kann’s schaffen.“

Und wenn ich es nicht schaffe? Dann kommt es darauf an, die eigenen Grenzen zu akzeptieren. Man ist und kann ja auch dann etwas, wenn man dies eine nicht geschafft haben sollte. Das dürfte nachvollziehbar sein, auch für die, die von sich nun nicht gerade sagen würden, dass sie an Gott glauben. Nun steckt in diesem Psalmwort die Überzeugung, dass es einen Gott gibt, der einem hilft, der es einem zwar nicht abnimmt, sich selbst zu bewegen, also zu springen, aber der einem – wie auch immer – hilft, drüber zukommen.

Der Mensch, der diesen Satz formuliert hat, war ein gläubiger Mensch. Einer also, der wusste, dass er seine Leistung nicht nur sich selbst, sondern auch Gott verdankt. Dieser Mensch hätte vermutlich auf die Frage: „Wie hast Du das nur geschafft?!“ gesagt: „Gott gab mir die Kraft.“ In seinem Leben gab es also nicht nur Menschen, die ihm das Wissen und Selbstvertrauen vermittelt haben, dass er es schafft, indem sie ihm sagten und ihn spüren ließen: „Du schaffst das.“ Da war sein Glaube an einen Gott, der ihn beflügelte, der ihn ermutigte, der ihm das Gefühl gegeben hat: „Du kannst das. Du schaffst das. Mach es!“ Genau das ist es. Das spürt er – voller Dankbarkeit. Aus diesem Lebensgefühl heraus sagt er: „Mit meinem Gott springe ich über Mauern.“ Die Welt steht ihm offen. Indem er sein Lebensgefühl so in Worte fasst, macht er nicht nur sich selbst Mut. Nein. Er lädt auch Sie ein: „Vertrau diesem Gott, der dir helfen will, deine Mauern zu überwinden.“

Mit freundlicher Genehmigung: Hans-Jürgen Kopkow, Pfarrer des Pfarrverbands Braunschweiger Süden