Papa hat aber immer gesagt …

Ich war immer ein Papa-Kind. Das haben viele Älteste so an sich – habe ich gehört. Was Papa sagte, war meistens richtig. Er wusste ja auch wahnsinnig viel, hatte auf jede Frage eine Antwort, die mich beeindruckte. Papa war prägend – in jeglicher Hinsicht: Wenn er über Politik schimpfte, stimmte ich ein. Gemeinsam besuchten wir klassische Konzerte. Sein Interesse für Geschichte steckte mich an. Ich war wahnsinnig stolz darauf, wenn mir jemand attestierte, ich sei meinem Vater doch sehr ähnlich. Ich war ja schließlich seine Tochter, und er war schlau. Irgendwann drehte sich die Sache. Irgendwann wurde es leicht uncool, den Eltern alles nachzumachen. Der kleine pubertäre Rebell weigerte sich plötzlich, die Dinge ungefragt hinzunehmen. Wieso eigentlich war die FDP die richtige Partei für mich? Warum um Himmels willen sollte ich jeden Sonntag in die Kirche gehen? Und weshalb war Bach besser als Metallica?

Wenn die Eltern grün wählen …

Studien haben herausgefunden, dass die Herkunftsfamilie mehr prägt, als das viele von uns im jugendlichen Abnabelungswahn gerne hätten. Wir reden von Individualität und Freiheit, von Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit. Wir wählen aber zu 80 Prozent die CDU, wenn unsere Eltern das schon getan haben. Bei den Grünen-Anhängern ist die Quote noch höher. Umweltbewusste Menschen haben fast nur umweltbewusste Kinder. „Transmission“ nennen die Forscher dieses Weiterreichen von Einstellungen und Verhaltensweisen. Dazu gehören neben politischen Überzeugungen vor allem kulturelle Wertevorstellungen und religiöse Traditionen, aber auch Charakterzüge wie Beziehungsfähigkeit und Selbstbewusstsein.

Auf und davon? Wir nicht!

Heutzutage drückt uns die Familie noch viel deutlicher ihren Stempel auf, als das vor 30 Jahren der Fall war. Viele von uns buchen „Hotel Mama“ wesentlich länger, als die eigenen Erziehungsberechtigten es einst taten. Während in den 80er Jahren nur ein Fünftel mit Anfang Zwanzig noch den Service Daheim genossen, leben 2015 56 Prozent der Frauen zwischen 18 und 24 Jahren weiterhin bei den Eltern. Die Jungs sind noch viel schlimmere Nesthocker: 68 Prozent von ihnen sind noch nicht ausgezogen. Ist ja auch bequem, wenn das Mittagessen Punkt 13 Uhr auf dem Tisch steht und die Wäsche ohne eigenes Zutun den Weg in die Maschine findet. Früher ging es darum, möglichst schnell wegzukommen. Kaum hatte man das Abiturzeugnis in der Hand, setzte man sich hinter das Lenkrad des alten VW Golf und war auf und davon.

So hätte Mama das gemacht Wenn wir heute dann mal ausgezogen sind, setzen wir uns gerne mehrmals im Jahr ins Auto und fahren Hunderte Kilometer, um unsere Familien zu sehen. Über Whatsapp sind wir sogar ständig mit Mama und Papa, der das mit den Emoticons übrigens immer noch nicht verstanden hat, in Kontakt. Wir sind echt traurig, wenn wir unser Weihnachtsfest mal nicht mit ihnen unter der heimischen Tanne feiern können, weil wir über die Feiertage arbeiten müssen. Das bekannte, wohlige Gefühl des Festes wollen wir dennoch nicht missen, schmücken den Weihnachtsbaum genauso, wie Mama es getan hätte, und summen leise „Ihr Kinderlein kommet“ vor uns hin, wenn wir unsere Geschenke auspacken. Die 68er hatten da noch größere Grabenkämpfe mit ihren Eltern auszufechten. Heute läuft das entspannter ab. Die Shell-Jugendstudie von 2015 hat herausgefunden, dass mehr als 90 Prozent das Verhältnis zu den Eltern als gut bezeichnen.

Wie bei einem fremden Volksstamm

Wenn man den ersten festen Partner hat, wird einem die Prägung durch die Familie noch einmal ganz deutlich vor Augen geführt. Erstens ist es erwiesen, dass die meisten Frauen einen Ehemann wählen, der dem eigenen Vater ähnlich ist. Und zweitens erklärt dieser Mann plötzlich, er fühle sich bei Tisch wie bei einem fremden Volksstamm beim Essen: hier ein Ritual, dort ein Brauch. Mit einem Mal stehen die eigenen Traditionen und Werte wieder zur Diskussion. Jetzt kämpft man bewusst darum, es so machen zu dürfen, wie man es beigebracht bekommen hat.

Wo soll ich das Kind wickeln?

Spätestens mit dem ersten Kind steht dann die endgültige Entscheidung ins Haus: Welche Bräuche übernehme ich? Und die berechtigte Frage wird in der Partnerschaft diskutiert: Warum übernehmen wir dieses und nicht jenes? Das beginnt bereits bei der profanen Überlegung, ob das Kind – wie die eigene Mutter vorschlägt – einen Wickeltisch braucht oder ob es – wie die Schwiegermutter es immer getan hat – auf dem Boden gewickelt wird.

Schwieriger wird es, wenn es darum geht, ob abends vor dem Zubettgehen noch gesungen wird. Plötzlich erscheint einem dieses Ritual so immens wichtig, dass man den eigenen Partner zusätzlich zum Geburtsvorbereitungskurs am liebsten noch in die Gesangsstunde schicken möchte, damit der Vortrag nicht im Desaster endet und das Kind im schlimmsten Fall unmusikalisch wird. Denn das kulturelle Liedgut, das man selber vor einigen Jahren vorzugsweise noch mit „We will rock you“ ersetzt hätte, muss ja auch weitergegeben werden. Ganz im Trend der Befragten der ShellStudie: Fast drei Viertel würden ihre Kinder so erziehen, wie sie erzogen worden sind.

Trotzdem reden wir weiterhin von Individualität, Freiheit, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Und das dürfen wir auch. Es ist ja kein Zeichen von Anhängigkeit und Unfreiheit, wenn man manches so macht wie die Eltern. Die Freiheit haben wir eben auch. Und wir dürfen uns dennoch als abgenabelt betrachten. Denn wirklich erwachsen und frei ist doch der, der andere auch mal um ihren Rat bitten kann. Und mal ganz unter uns: Papa liegt halt meistens doch noch richtig …

Wer schreibt hier:

Julia Bernhard (29) arbeitet als Redakteurin für die Evangelische Nachrichtenagentur idea und promoviert nebenbei an der Uni Marburg. Ihrem ersten Kind, das im April geboren werden soll, hofft sie, alle Freiheiten zu geben, selbst zu entscheiden, welche Traditionen es später mal übernehmen will und welche nicht.

Mit freundlicher Genehmigung von IDEA E.V. EVANGELISCHE NACHRICHTENAGENTUR. Mehr unter www.idea.de