Nicht zu lange warten

"Was trinken die hier in Schweden? Apfelsekt?!" Ich wuchs in Franken auf, nahe der Region, in welcher der berühmte Frankenwein - erkennbar am markanten Bocksbeutel - angebaut wird. Als Kind dachte ich sogar, die Abkürzung WZG stünde für Würzburg statt für Winzergenossenschaft.

Später erfuhr ich, dass auch in anderen Regionen Deutschlands und der Welt guter Wein aus Trauben produziert wurde. Aber dass die pfiffigen Schweden sich in Ermangelung an genießbaren Trauben mit Äpfeln für Sekt behalfen, das irritierte mich dann doch sehr. Da ich gern Neues probiere und es beim Hochzeitsempfang meiner blonden Freundin Lena - wie könnte sie als Schwedin auch anders heißen - zum Anstoßen nichts anderes gab, griff ich zu. Und stellte zu meinem Erstaunen fest: Apfelsekt schmeckt gar nicht so schlecht. Man könnte sogar sagen: fast gut. Sie schenkte mir zum Abschied eine Flasche des interessanten goldgelben Getränks. Ich wollte es für eine besondere Gelegenheit aufbewahren. Und wartete und wartete und wartete. Der Sekt zog mehrmals mit mir um und stand in seiner dekorativen Flasche jahrelang in meinen diversen Küchen.

Als Lena, die mittlerweile schon zwei Kinder großgezogen und ihre Silberhochzeit gefeiert hatte, zur Feier meines 50. Geburtstags kam, entschied ich: Jetzt ist der besondere Moment gekommen. Feierlich gingen wir sicherheitshalber an Deck meines Schiffes, weil man nicht weiß, wie ein Vierteljahrhundert alter Apfelsekt sich verhält. Leider war er, als wir ihn gemeinsam öffneten, nicht mehr genießbar. Wie schade!

Mehr besondere Momente schaffen

Das Schicksal des Apfelsekts teilte auch eine Flasche des edlen Sandemann-Sherrys - ein Mitbringsel aus einem Portugalurlaub. Diese verdorbenen Spirituosen haben mir klar vor Augen geführt, dass es nichts bringt, zu lange auf besondere Momente zu warten. Ich hätte den Apfelsekt ja auch zum 30. oder 40. Geburtstag trinken können oder zum 27,5. Manche Anlässe bieten sich zum Feiern natürlich besonders an - die klassischen Feiertage, Geburtstage, Hochzeitstage, Freundschaftstage, Beförderungen und vieles mehr. Hier kann man überlegen, mit welchen Aktivitäten, Lebensmitteln oder sonstigen Genüssen man die Schönheit und Freude dieses Tages betonen kann.

Man kann zum Feiern auch vorhandene Anlässe nutzen. Jeden Tag wird etwas Bedeutsames wie die Unabhängigkeit eines Landes gefeiert. Oder auch etwas Skurriles wie der Tag des deutschen Butterbrotes (30. September). Man kann auch die Feste von Freunden mitfeiern, z. B. am 27. April den Unabhängigkeitstag Togos bei leckerem Essen. Doch der Schlüssel zu mehr Feiern ist: Besondere Momente einfach selbst zu bestimmen: "Heute ist der erste Frühlingstag - den könnten wir dadurch feiern, dass wir das besondere Geschirr hervorholen, statt es im Schrank verstauben zu lassen." Heute ist der Tag der schön gekleideten Menschen - Zeit für das besondere Outfit! Der eigenen Fantasie sind keine Grenzen gesetzt: Man kann den Tag des neuen Haarschnitts ebenso feiern wie das Ende der Windel-Ära, den Beginn einer Jahreszeit, die Buchung des Urlaubs und Vorfreude oder die Eröffnung eines neuen Tagebuches. Wichtig ist nur, den Apfelsekt nicht zu lange in der Flasche zu lassen - sondern rechtzeitig zu bestimmen, wann der passende Anlass zum Feiern gekommen ist. Lena und ich haben vor einiger Zeit beispielsweise 22 Jahre Freundschaft gefeiert. Mit richtigem Sekt.

Nur so ne Frage:

Was waren die schönsten spontanen Feiern eines einzigartigen Momentes, die du oder andere Menschen initiiert haben? Was hat dazu geführt, dass sie dir in besonderer Erinnerung geblieben sind?

Aus Kerstin Hack „Das gute Leben“ © 2018 SCM Hänssler