Frischer Wind

Ich liebe mein Arbeitszimmer – besonders den schönen, alten englischen Schreibtisch und den Blick aus dem von Kletterrosen umrankten Fenster. Ich freue mich über den Anblick der vielen schönen Dinge mit kostbarem Erinnerungswert auf Regal und Fensterbank. Ich sehe gern die sorgfältig ausgesuchten Bilder an den Wänden an und bin stolz auf die vielen Bücher in den geerbten Schränken. Das alles macht die unverwechselbare, persönliche Atmosphäre meines Zimmers aus, in dem ich mich wohlfühlen kann. Und doch überkommt mich von Zeit zu Zeit – und in der letzten Zeit immer öfter – ein unbezwingbares Gefühl der Flucht. Bloß weg von all den Dingen! Und damit meine ich nicht die aufgestapelten Klassenarbeitshefte, die unbeantwortete Post oder die halb fertige Übersetzung. Ich denke vielmehr an die vielen Gegenstände, die alle eine Geschichte haben, die mir alle so wertvoll waren, dass ich sie aufheben wollte, und die jetzt meine Schränke und Regale füllen: wertvolle Dinge, wunderbare Kleinigkeiten, interessante Bücher.

Aber ich kann auch von einem Übermaß an Kostbarkeiten erdrückt werden. Ich erlebe sie als einen Ballast, eine Last, die ich abwerfen möchte, um freien Raum zu gewinnen.

Ruhe im leeren Raum

Vor einiger Zeit wurde in unserem Wohnzimmer der Parkettfußboden renoviert. Dazu musste das Zimmer völlig ausgeräumt werden, eine mühevolle Arbeit. Das Abschleifen und neue Versiegeln dauerte dann nur ein paar Stunden. Anschließend musste der Raum einige Tage ruhen. Er war noch zu frisch, man durfte die schweren Möbel noch nicht wieder hinstellen. Ein wunderbar leerer Raum! Nach einigen Tagen habe ich einen kleinen Teppich und einen Sessel hineingestellt. Dort zu sitzen, in dem großen, leeren Raum war für mich wie eine Erholung, eine Ruhe, ein Zu-mir-selbst-kommen. Ich habe das unvermeidliche Einräumen der Möbel solange hinausgezögert wie möglich. Schließlich musste es sein. Diese Erfahrung allerdings geht mir nach und wurde mir zum Bild für vieles.

Vorgegaukelte Fülle

In unserer materialistischen und hektischen Zeit müssen Dinge oft Inhalte ersetzen. Das fängt bei vollgestopften Kinderzimmern an und endet Samstag für Samstag auf den zahlreichen Flohmärkten, wo man sich bemüht, den überflüssigen Ballast wieder loszuwerden. Ich habe Sehnsucht nach einem leeren Raum. In der Vielfalt, der Zerstreuung und Zersplitterung meines Lebens habe ich das Bedürfnis nach Einfachheit, nach Stille, Leere. Ich möchte Ballast abwerfen, mich befreien von den vielen Dingen, die ich zwar schön finde, die ich aber eigentlich gar nicht brauche. Sie belasten mich, gaukeln mir eine Fülle vor, die gar nicht existiert, vernebeln den Blick für das Einzigartige. Und das eben ist das Wesen des Einzigartigen, dass es sich nur im freien Raum entfaltet.
Erst die leere Fläche gibt dem einzelnen seine unersetzliche Bedeutung.
Wahrscheinlich hängt es auch mit meinem Alter, meiner Lebensphase zusammen, dass ich dem Sammeltrieb der jüngeren Jahre nicht mehr folge, dass ich keine Stöckchen mehr zusammentragen muss für das Nest. Das Nest ist gebaut, und ich weiß längst, dass es mehr auf das innere Leben im Nest ankommt. Ich möchte nicht ablenken vom Wesentlichen, möchte innerlich gesammelt bleiben in der Vielfalt meines äußerlich hektischen, stressigen, unruhigen Lebens. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich mein Leben toll, abwechslungsreich und interessant fand, weil kein Tag wie der andere war – immer neu, nie langweilig. Jetzt suche ich oft die lange Weile für die Konzentration auf das Wesentliche.
Erfüllt sein ist etwas anderes als Überfüllung, und erst in der Leere des Raumes entdecke ich die Fülle der Gedanken.

So erlebe ich es in einem stereotyp, zweckmäßig eingerichteten Ferienhaus an der See, in einem unpersönlichen, nüchternen Hotelzimmer und besser noch am leer gefegten Strand im Winter und in der Einfachheit einer Klosterzelle.

Fülle in der Leere

Ein weiß getünchter Raum, ein Kreuz, ein einfaches Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein guter Ausblick. So wenig wie möglich! Kein Lärm. Stille. Und dann eine einzelne Rose auf dem Tisch und eine Kerze vielleicht. Was für ein Reichtum! Hier lenkt nichts ab. Hier ist Raum zur Begegnung. Zur Begegnung mit mir selbst, zur Begegnung mit meinen Erinnerungen, Plänen, Wünschen, Enttäuschungen und Hoffnungen. Zur Begegnung mit Gott vor allem, zum Gespräch mit ihm, zum Hören auf ihn.

Ich habe Sehnsucht nach einem leeren Raum, gefüllt mit Gottes Gegenwart und nicht vollgestopft mit den tausend anderen Dingen dieser Welt. Einmal wird die Zeit kommen, wo ich ganz ohne diese Dinge sein werde.

Marieluise Bierbaum ist Lehrerin und Referentin.
„aus AUFATMEN Sonderheft Stille 2010“, mehr unter www.aufatmen.de