Den Abhang hinunter

Unter mir wölbt sich der Hang geschmeidig Richtung Tal. Er ist über und über mit pulvrigem Schnee bedeckt. Ein Traum. Ein Augenblick wie aus dem Paradies. Ich lege mein Snowboard ab und setze mich. Was für eine Aussicht! Ich bin lange hier hoch gewandert. Eine knappe Stunde Fußmarsch abseits der normalen Skistrecke habe ich hinter mir. Einmal in jedem Winterurlaub brauche ich das: eine Snowboard-Fahrt abseits der Pisten, ganz alleine, mit dem gewissen Kick. Ich muss mich nach niemandem richten, kann alles genießen: die Schöpfung, meinen Gott, die Stille, die Sonne, den funkelnden Schnee. „Gott, was hast du diese Welt so schön gemacht. Danke!“, durchströmt es mich.

Extreme Erlebnisse sind meine Freiheit

Diese extremen Erlebnisse sind meine Freiheit. In diesen Momenten spüre ich sie so richtig. Das sind echte Sternstunden, weil sie viel mehr sind als eine Freizeitbetätigung. Sie werden zu Orientierungserlebnissen, die mir Frieden, Mut und Begeisterung für mein Leben geben. Sie sind mir schon so häufig zu Gleichnissen meiner Gottesbeziehung geworden. Die wenigsten dieser Freiheitsmomente sind allerdings so ruhig wie der im sonnigen Tiefschnee. Die meisten sind eher das Gegenteil davon. Wenn ich mit meinem Mountainbike unterwegs bin, dann jage ich durch den strömenden Regen bergabwärts. Schlamm und Steine spritzen unter meinen Rädern, Hose und Jacke sind komplett verdreckt. Kurven, Sprünge und Hindernisse auf dem schmierigen Trail verwandeln sich in eine rasende Achterbahn, und niemand sonst ist im Wald unterwegs. Dann fühle ich mich lebendig und frei.

Die leidenschaftliche Sehnsucht nach mehr Freiheit

Der Verstand sagt oft: „Das Wetter ist schlecht, es ist kalt, die Wege sind zu gefährlich, und du willst doch eigentlich liegen bleiben.“ Aber das Herz sagt: „Geh raus!“ Und wenn ich dann unterwegs bin, erlebe ich etwas von dem Auftrag, dass wir uns die Schöpfung untertan machen sollen. Es ist ein großartiges Gefühl, wenn ich im Frühjahr nach der langen Winterpause wieder mit dem BMX-Rad auf der Abfahrtsrampe der Dirtjump-Anlage stehe, die bisher unsicheren Sprünge vertrauter werden, erste Tricks klappen und ich die Airtime – die Zeit in der Luft – genieße. Wenn ich den ersten größeren Sprung im Snowpark sicher gestanden habe, verwandelt sich das eisige Gefühl der Angst in feurige Begeisterung. Dann ergreift mich eine leidenschaftliche Sehnsucht nach mehr Freiheit. Diese Sehnsucht habe ich schon lange. Ich wollte immer höher hinaus, um den Kick zu spüren: als ich mich den ersten Doppelsalto im Schwimmbad traute; als ich mit zehn Jahren vom Baum auf Matratzen sprang. Die Situationen waren völlig unterschiedlich, aber sie trugen alle diesen unzähmbaren Drang nach ausgekostetem Leben in sich. Ob früher als Kind oder jetzt als entspannter werdender Erwachsener – ich schaue sehr dankbar auf viele dieser Erlebnisse zurück, in denen ich viel über mich, das Leben, meinen Gott und meine Freiheit lernen durfte.

Tue das Unmögliche

Ähnliches höre ich auch von anderen, die die sogenannten „Extrem-“, „High Risk-“ oder „Funsportarten“ für sich entdeckt haben. In dem Buch „Bis ans Limit und darüber hinaus“, das sich mit der Motivation und Faszination hinter dem Extremsport beschäftigt, bringt es der Langstreckenläufer Stefan Schlett auf den Punkt: „Ich glaube, es gibt eine Motivation, die grundsätzlich auf uns Extremsportler zutrifft: die Suche nach Freiheit. Die Freiheit, allein zu sein, mit den Wünschen, Träumen und der nackten Angst. Und mit der Neugierde, was der menschliche Körper zu leisten imstande ist. Wir verkünden mit unserem Tun und Handeln eine Botschaft: Do the impossible – tue das Unmögliche!“ Da ist was dran.

Bewusste Risikosuche

Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski kommt in einer Studie über Extremsportler zu der Einsicht, dass die umfassenden Sicherheiten in der Gesellschaft der Nährboden für die bewusste Risikosuche sind: „Viele Risiken des Lebens scheinen heute durch Versicherungen abgesichert zu sein. Dadurch wird die Lust am Risiko eher geschürt als gebremst.“ Menschen wollen durch ihren Sport den Zwängen des Alltags entfliehen. Als wichtigste Gründe für die Risikosuche von Extremsportlern nennt Opaschowski Lebensfreude, Alltagsflucht, Lust am Risiko, Lebenstraum, Erlebnishunger und Lebensbewältigung.

Von der Angst befreit

Mir sind viele meiner sportlichen Erlebnisse zu einem Inbegriff von Freiheit geworden, weil sie mir beigebracht haben, wie man Entscheidungen fällt. Ich musste selbst entscheiden, welchen Stimmen ich Gehör schenken wollte: dem „Das kannst du eh nicht“, dem „Du riskierst sinnlos deine Gesundheit“, dem „Das ist viel zu gefährlich“, dem „Das macht man nicht“. Oder dem gegensätzlichen „Das will ich unbedingt können“, „Das wäre doch ne’ geile Idee“ und „Mein Körper kann es.“

Sicherheiten loslassen und springen

Was für ein befreiendes Gefühl, die Stunts meistens trotz der Zweifel durchzuziehen! Erst hat man Angst und ist unsicher; dann wird man mutig und bekommt Sehnsucht, und am Ende ist man begeistert über eine neu gesprengte Grenze. Dieser Turbomix aus prall gefüllter Lebensenergie fasziniert mich bis heute. Und ist mir im Tiefsten ein Beispiel für mein geistliches Leben geworden. Besteht nicht unser Leben mit Jesus z.B. aus einer sich ständig wiederholenden Flugkurve der Abhängigkeit? Wenn ich anfange, meine eigenen Sicherheiten loszulassen, und in Gottes Arme springe, erfasst mich gleichzeitig ein Grauen der Unsicher­heit, aber ich bin auch voller Adrenalin wegen der begeisternden Nähe Gottes. Ich erlebe das Geheimnis der Gottesbeziehung erst, wenn ich mich auf das Wagnis einlasse. Erst nach dem Absprung beginne ich zu begreifen, dass mich eine neue Kraft trägt. Ich stürze nicht in den Abgrund, sondern lerne an Gottes Händen zu fliegen. Jetzt greife ich mein Board, schnalle es an und gleite wie im Traum durch den sonnigen Tiefschnee. Und spüre sie: die Freiheit.

Wer schreibt hier:

Bernd Stamm (29) wohnt mit seiner Frau in Ottenbronn im schönen Schwarzwald und ist Jugendreferent beim Verband „Entschieden für Christus“ (EC). Ehrenamtlich engagiert er sich im „SRSteamextreme“ (Sportler ruft Sportler). Der Ruf in die Freiheit ist für ihn tiefe Sehnsucht, feuriger Antrieb, umfassender Charakterzug, überwältigendes Gottesgeschenk und tägliches Wagnis.

Mit freundlicher Genehmigung von IDEA E.V. EVANGELISCHE NACHRICHTENAGENTUR. Mehr unter www.idea.de